Downtooooown

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Ich wohne jetzt Downtown. Im Financial District. Ganz weit im Süden der Insel. Wenn da nicht ein Haus auf der anderen Straßenseite stünde, könnte ich die Freiheitsstatue sehen. Ehrlich gesagt dachte ich gar nicht, dass man in dieser Gegend wohnen kann. Dachte, hier gäbe es nur Büros und noch mal Büros.

Es lebt sich hier jedenfalls gar nicht so schlecht, allerdings komme ich mir manchmal schon etwas fehl am Platze vor. Z.B. als ich mit dem ollen Supershuttle-Bus am ersten Tag hier ankam und mir vor dem Haus ein Portier mit Mütze und weißen Handschuhen die Koffer aus der Hand riss und ein zweiter nachschaute, ob ich ‚auf der Liste‘ stehe, sich anschließend mit Handschlag vorstellte und mich nach oben geleitete.
Ist also alles recht nobel hier. Das Haus hat ein Gym, einen Billard-Raum, ein ‚Deck‘ mit gepolsterten Liegestühlen, eine ‚Juice-Bar‘ (Wasser, Säfte, Kaffee und Tee kostenlos den ganzen Tag über, morgens auch noch Muffins und son Zeug), eine Lounge mit Internet und aktuellen Tageszeitungen, ein Dampfbad, eine Wäscherei, einen ‚Screening Room‘ – also ein Minikino, in dem man sich mit seinen Buddies DVDs ansehen kann.
Unglaublich faszinierend finde ich ja auch die Müllschächte, die sich auf jeder Etage befinden. Klappe auf, Müll rein, zuhören, wie der Sack 19 Stockwerke in die Tiefe fällt, sich gruseln, Klappe zu.

Die Wohnung selber ist noch ziemlich Baustelle, aber in meinem Bereich lässt es sich sehr entspannt wohnen.
Baustelle? Ja, Baustelle. Dieses Apartment ist nämlich ein Beispiel für die Geschäftstüchtigkeit der New Yorker. Ursprünglich hatte das Apartment ca. 8 Meter hohe Räume. Ganz schön hoch für einen Wolkenkratzer, wo doch jeder Zentimeter zählt, wird man jetzt denken. Jahaaaa… aber das ist historisch bedingt, wird später noch klarer…

Jedenfalls hat meine Vermieterin (die selbe übrigens, bei der ich letztes Jahr in der Upper West Side mit dem Filipino zusammen gewohnt habe – O-Ton Vermieterin ‚the old Asian guy‘) entschieden, einfach ein zusätzliches Stockwerk einzuziehen um so eine optimale Grundflächenausnutzung hinzukriegen. In New York macht man das so.

Da ‚mein‘ Zimmer im Obergeschoss noch nicht fertig gestellt ist, werde ich erstmal zwei Wochen unten wohnen. Mit allen Annehmlichkeiten, die ich nach meinem Umzug nach oben nicht nehr haben werde: eigenes Bad, Küche, Wohnlandschaft. Das heißt dann ‚oben‘ nämlich Bad zu dritt, Mikrowelle und Kühlschrank im Mini-Zimmer, Lehnstuhl. Aber noch wohne ich luxuriös unten und habe das gesamte Reich für mich. Tagsüber treibt sich oben manchmal ein Handwerker rum (’nenn mich einfach Jim, meinen russischen Namen kannst Du sowieso nicht aussprechen‘), aber das juckt mich wenig. Der Lärm von der Straße (jawoll, die Straße lärmt bis in den 19. Stock) ist sehr viel unangenehmer und der geht leider nie weg. Nachts ist etwas weniger los, aber auch noch genug. Das könnte die einzige Sache sein, die mir das Wohnen hier vermiesen könnte. Noch sind meine Nerven vom Giesinger Vogelgezwitscher gepampert, aber ich merke schon, wie es bröckelt, das Nervenkostüm.

Aber zurück zum Apartmenthaus. Man sagte mir, das sei ein sog. ‚Landmark‘. Ein Art Deco Bau aus den 30er Jahren, aus derselben Ära also wie das Chrysler und das Empire State Building. (Muss spannend gewesen sein, in dieser Zeit hier zu wohnen). Auf jeden Fall aber ist das Haus sehr geschichtsträchtig. Für Europäer ist das Konzept des College-Footballs ja nicht so ganz zu begreifen, aber hier ist das schon sehr, sehr wichtig. Und in ‚meinem‘ Haus wurde von 1935 bis 2002 die Heisman Trophy verliehen, DIE Sportauszeichnung überhaupt (sagt man). Mr. John Heismann, nach dem diese Auszeichnung benannt wurde, war lange Jahre Vorsitzender der Downtown Athletic Clubs, der in meinem Haus beheimatet war. Und hier fanden eben auch die Feierlichkeiten zur Verleihung statt.
Das Gebäude hatte leider 9/11 eine Menge abbekommen (Ground Zero ist so 300 Meter entfernt) und so wurde der Athletic Club geschlossen und das ganze Gebäude grundsaniert. Eine Sanierung der Clubräume hat sich wohl nicht mehr so rentiert und sie wurden in Apartments umgewandelt.
Im 19. Stock war zu Zeiten des Downtown Athletic Clubs der Pool untergebracht. Daher auch die hohen Räume. Mysterium gelöst.

Der Blick aus dem Fenster:

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