Es hat sich ausgeweihnachtet und -geneujahrt

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Eigentlich, ja eigentlich… schreibt man am 25. Januar nicht mehr über Christbäume, Weihnachtsferien und Silvesterfeiern. Eigentlich.
Aber uneigentlich komme ich fast nicht drum rum.

Christmas Tree

Kurzversion: Weihnachten war beschaulich und streckenweise fad, aber da es sich um unser erstes Weihnachten ganz alleine in einem fernen Land handelte, war es doch auch etwas besonderes. Wir haben nach guter deutscher Tradition am Heiligabend gefeiert mit Entenbraten, Knödeln und einem weißblauen Weihnachtsbaum und die Weihnachtsfeiertage Computer reparierend und mit Besuch aus Los Angeles verbracht.
Mit dem sind wir dann unter anderem auf der berühmten Christmas-Tree-Lane in Alameda spazieren gegangen. Alle Bewohner dieser Straße (bis auf ein oder zwei Häuser macht jeder mit) machen zu Weihnachten ein Faß auf und schmücken die komplette Straße – Häuser, Vorgärten…

Christmas Tree Lane Alameda

Christmas Tree Lane Alameda

Christmas Tree Lane Alameda

Christmas Tree Lane Alameda

Silvester war dann wieder ne andere Sache. Also irgendwie ist das hier alles gaaaaaaanz anders. So ohne Feuerwerk und Fondue-Gelage. Wer feiern will, geht auf eine teure Party, wem’s egal ist, der bleibt zuhause und sieht fern. So zumindest mein Eindruck.

Wir wollten ursprünglich eigentlich nach Las Vegas fliegen und Silvester ordentlich Geld erzocken. Aber beim Blick auf unser Konto und der Aussicht auf einen Hawaii-Urlaub im Frühjahr haben wir es uns dann doch anders überlegt (weil das mit dem Geld ERzocken seltener klappt als das VER zocken) und uns für einen kurzen Roadtrip entschieden. Mein Freund Mark gab uns den Tipp, doch mal zur Central Coast zu fahren. Das sei die Gegend, die noch am ehesten als ‚klassisch kalifornisch‘ bezeichnet werden kann. Gutes Wetter, freundliche Leute, spanische Architektur, easy living.

Ein Hotelzimmer war schnell gebucht und auf dem Weg nach San Luis Obispo machten wir Halt beim Hearst Castle. Das ist eigentlich (und schon wieder sind wir beim eigentlich…) ein ziemlicher Touristennepp. ABER: wunderschön! Der unglaublich reiche Zeitungsverleger und Kunstsammler William Hearst hat sich hier in den 20er-40er Jahren einen Traum verwirklicht und mit der Architektin Julia Morgan zusammen diese Anlagen mit atemberaubendem Blick auf den Pazifik gebaut. Und zwar genau auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Francisco. In den 30er Jahren war das ‚Schloss‘ ein beliebter Treffpunkt für die High Society aus Hollywood.
Hier trafen sich Leute wie Clark Gable und Charlie Chaplin zu rauschenden Partys und entspannten Tagen am Pool. Ich habe fleißig Bilder gemacht und möchte Euch die natürlich nicht vorenthalten…

Hearst Castle

Hearst Castle

Hearst Castle

Hearst Castle

Hearst Castle

Hearst Castle

Den Silvestertag selber haben wir dann damit verbracht, erst auf einen Hügel zu steigen…

Morro Bay

Morro Bay

… und dann haben wir uns von einem ortsansässigen Touristen-Guide das Städtchen zeigen lassen. Der war prima, wußte unglaublich viel und hat uns jede Menge spannender Geschichten über die Entstehung der Missions, den Eisenbahnbau und einen der berühmtesten Chinesen Kaliforniens erzählt. Batman war auch in der Stadt…

Bat Mobile

Er ist aber ne ziemliche Schlampe…

Bat Mobile

Abends dann das Higlight, eine Silvestervorstellung im Great American Melodrama & Vaudeville in Oceano. Was ein Spaß! Die Show war super, das Buffet sehr amerikanisch (Steak und Bohnen) und jeder schien jeden zu kennen. Wir konnten von den Einheimischen erfahren, dass der Besuch des Theaters hier seit über 30 Jahren eine beliebte Silvester-Tradition ist.

The Great American Melodrama and Vaudeville, Oceano

Um Mitternacht gab es Sekt und Konfetti und der Herr W. machte mal wieder dicke Backen…

Maurice

…und dann war die Sache auch schon vorbei.

Der alljährliche weihnachtliche Familienwahnsinn und die silvesterliche Straßenschlacht auf der Isarbrücke haben uns natürlich schon etwas gefehlt, aber wir hatten auch so eine schöne Zeit und uns auch kaum in die Haare gekriegt 🙂

Und zum Schluss noch: vielen vielen Dank für die vielen netten Mails und die Weihanachtskarten! Ich beantworte das alles noch nach und nach. Versprochen! Jetzt mache ich allerdings erstmal eine Weile Mailpause, morgen kommen nämlich meine Schwiegereltern an und die werden mich die nächsten zweieinhalb Wochen sicher ganz schön auf Trab halten!

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George

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George ist 92 und ziemlich stur. George ist mein Nachbar. George lebt alleine. Letztes Jahr haben seine beiden Söhne zusammenglegt und ihm einen Treppenlift gekauft, damit er ein kleines bisschen mobiler ist, denn er wohnt im ersten Stock. Er benutzt den Lift zwar nur, um seine Post zu holen, aber „das habe ich den beiden ja nicht auf die Nase binden müssen“, erzählte er mir noch vor Kurzem mit einem Zwinkern.

Georges Frau ist vor 5 Jahren gestorben. Mein anderer Nachbar, Gary, meinte, „die hat ihn ganz gut im Griff gehabt, aber jetzt verwahrlost er schon langsam ein bisschen“. George telefoniert jeden Tag mit Elaine, die in San Francisco lebt und auch so etwa in seinem Alter ist. Die beiden habe eine Telefonbeziehung und passen auf einander auf, rufen sich jeden Tag an und wünschen einander eine gute Nacht. Manchmal vergisst George, Elaine anzurufen und dann bekomme ich einen aufgeregten Anruf von ihr. Ich gehe dann rüber zu ihm, klopfe und klingele so lange, bis er die Türe öffnet. Meistens schaut er mich verschlafen an und kann die ganze Aufregung gar nicht verstehen. George schläft viel.

Heute war es anders. Schon bei Elaines Anruf bekam ich ein komisches Gefühl. Als ich dann vor seiner Tür stand, lag dort sein „Essen auf Rädern“ im Regen. Er bekommt die Lieferung nur Montag-Donnerstag. Das Essen war also von gestern. Auf mein Klingeln hin machte niemand auf. Die Wohnung war dunkel, nichts regte sich. Nachdem ich bei ein paar Nachbarn geklingelt hatte und sich herausstellte, dass ausgerechnet die Nachbarin, die seinen Schlüssel hat, gerade im Urlaub ist, rief ich die Polizei an.

Kurz darauf standen zwei Polizeiautos vor meiner Türe. Die Officer waren wenig begeistert. Sie kannten George schon. Nach einigem hin- und her waren sie dann aber doch bereit, die Türe einzutreten. Ich habe noch nie gesehen, wie eine Türe eingetreten wird. Gary und ich standen unten auf der Straße, hörten es krachen und bekamen beide ein sehr laues Gefühl im Magen. Wir versuchten es mit ein paar Witzen, um die Stimmung aufzulockern, aber ließen das auch bald wieder bleiben. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Dann kam einer der Officer zu uns und teilte uns mit, dass es George so weit gut gehe. Er sei nur so schwach, dass er nicht mehr aufstehen könne. Die Feuerwehr und der Krankenwagen trafen kurz darauf mit großem Getöse und Getute in unserer kleinen Straße ein.

Wegen des Treppenlifts konnten die Sanitäter George nicht mit der Trage aus der Wohnung bekommen, die Feuerwehr musste mit zupacken. Ich wollte dabei aber nicht mehr zusehen und bin wieder nach hause gegangen.
Gerade wird George vor meinem Fenster in einen Krankenwagen geladen. Ich hoffe, ich sehe ihn wieder…